Essay_digital_futureIch habe mir die Mühe gemacht und meine Gedanken zum Thema einmal aufgeschrieben.
“Ich weiß nicht warum Du Dich so aufregst” – “weil diese Kluft zwischen denjenigen, die verstanden haben und den anderen eine gesellschaftliche Rolle spielen wird”, das zieht die Frage nach sich:
Warum spielt die “digitale rupture” eine gesellschaftliche Rolle?
(weil’s lang ist hier als PDF)
„Gesellschaft“ besteht aus Menschen und Organisationen. Wenn man die nach ihrem Verhältnis zum Internet in Gruppen einteilt, dann findet man:
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Nicht-Nutzer, die keinen Zugang zum Netz haben
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Konsumenten, die als Zuschauer im Netz unterwegs sind
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Teilnehmer, die sich über Kommentare, eigene Webseiten, am Netz beteiligen
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Multiplikatoren, die die Meinung und Trends im Netz mitbestimmen („Netzöffentlichkeit prägen“)
Eine weitere Unterscheidung wäre noch die Frage nach dem „wie“, „warum“ man eigentlich im Netz ist.
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Digital Natives sind mit der Technologie aufgewachsen
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„Affine“ haben sich die Kenntnisse und das Verständnis angeeignet
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Oligarchen kaufen sich in das Netz ein
Ein Beispiel für Oligarchen sind die großen Telekommunikationsunternehmen oder auch Verlagshäuser, die ihr jeweiliges Geschäftsmodell mit Kapitaleinsatz in das nächste Medium getragen haben. Dabei ist „Oligarch“ nicht wertend gemeint, das englische „Incumbent“ klingt noch schlimmer ;-)
Es geht bei den Unterscheidungen auch nicht um „gut“ oder „schlecht“. Eine Gesellschaft muß in ihrer Gesamtheit funktionieren und ein System bilden. Dieses System muß alle Teilnehmer umfassen, nicht nur die coolen Digital Natives, sondern eben auch meine Großeltern, die das Internet weder brauchen noch wollen.
Eine Überlegung die ich mir in diesem Zusammenhang gestellt habe, ich greife vor, ist ob die Ursache des Problems nicht ist, daß die Gestaltungsmacht in unserer Gesellschaft in den Händen von zu alten Menschen ist. Es wäre spannend, eine Alterspyramide neben eine „Machtpyramide“ zu stellen und zu schauen, wo überhaupt schon DN’s angekommen sind. Daß sie kommen werden ist keine Frage, stellte man sie gäbe die Biologie die Antwort – zur Freude der Piraten: Der Internet-Ausdrucker ist eine aussterbende Spezies, man muß nur lange genug warten.
Aber genau das können wir nicht, denn die Gefahr daß die alten Männer mit Kugelschreibern zu viel zerstören ist zu groß.
Der technologische Fortschritt durch die Allgegenwärtigkeit des Netzes im Leben ist eine Entwicklung die mit dem Buchdruck vergleichbar ist. Der Buchdruck hat das Wissensmonopol der Kirche gebrochen und die Reformation erst möglich gemacht. Luther übersetzte auf Deutsch und ließ drucken – auf einmal konnte jeder die Bibel lesen und war nicht mehr auf die Interpretation durch die bisherige Staatskirche angewiesen. Die Sprache der Macht wechselte und sie wurde lesbar, überprüfbar, zugänglich.
Als wir in der Anfangszeit der Vernetzung die technischen Möglichkeiten des Netzes aus politischer Sicht betrachteten war für uns klar: Das Netz darf nicht den Unternehmen vorbehalten bleiben, es muß jedem zur Verfügung stehen. Unternehmen hatten die Vorteile der Vernetzung seit langem entdeckt und ihre Standorte über Wählverbindungen und Standleitungen miteinander verbunden. Wir waren der Ansicht, daß dieses Mittel der Kommunikation ihnen nicht vorbehalten sein sollte – die Idee war, das Internet „jedem“ zur Verfügung zu stellen. Angesichts der umfassenden und breitbandigen Vernetzung von heute kann man sagen: Das Ziel wurde erreicht.
Die Vorstellung, die wir von der vernetzten Gesellschaft hatten hat aber die Nebenwirkungen von heute nicht berücksichtigt – wir hätten nicht erwartet, daß das Moment so groß sein würde.
Mit Moment meine ich die Kraft, die durch die Menschen entsteht. Die Nutzer des Netzes, egal welcher Kategorie sie angehören, haben die technischen Möglichkeiten entdeckt. Sie haben ihr Leben um die Möglichkeiten ergänzt, die sich durch die Vernetzung ergeben haben. So wie das Gehirn nach Ansicht der Neurologen lernen könnte, mit drei Beinen zu laufen, wurde „das Netz“ gelernt, eingebaut und als Selbstverständlichkeit benutzt.
Aus dieser Integration der Möglichkeiten der Vernetzung in das Leben entsteht Energie – die Geschwindigkeit und der Verlust von räumlicher Distanz als Schwelle für Kommunikation wirken als Katalysatoren für menschliche Beziehungen und das Erleben.
Entgegen der oft genutzten Phrase von der „Verlagerung des Lebens ins Netz“ bin ich auch deshalb viel mehr der Ansicht, daß in Wirklichkeit das Umgekehrte geschieht: Das Netz wird ins Leben verlagert und Teil davon. Damit erklärt sich auch, warum in Frankreich die angedachte Sperrung des Internet-Zuganges als schwerwiegender Grundrechtseingriff bewertet wurde und eben nicht dem Hausverbot in dem Geschäft in dem jemand gestohlen hat gleichgestellt wurde.
Der Buchdruck wiederum wirkte ebenfalls als Katalysator: Ideen und Wissen wurden verläßlich und in großer Masse reproduzierbar, verfügbar.
Der große Unterschied zwischen dem Buchdruck und dem Internet ist die Eigendynamik der Technologie. Bücher sind statisch, einmal gedruckt werden sie nicht mehr verändert. Sie sind physisch, müssen zum Leser transportiert werden, können vernichtet werden, zusammengefaßt: Bücher kann man verbrennen, eine Datei die sich in einem peer-to-peer-Netz befindet zu löschen ist ungleich schwerer.
Regierungen versuchen heute, das Netz zu regulieren, sprich: Zu zensieren. Wer diese Versuche jetzt aber eins zu eins auf den Versuch der Bücherverbrennung überträgt macht es sich zu einfach und spielt das Problem herunter.
Zuerst muß man sich darüber klar werden, daß das Interesse einer Gesellschaft, bestimmte Informationen zu unterdrücken legitim ist. Hierüber kann man sich vortrefflich streiten, auf einer sehr abstrakten Ebene. Praktisch gab es und gibt es keine Gesellschaft, in der sämtliche Informationen unbedingt verfügbar gemacht werden dürfen. Totale Informationsfreiheit bedeutete auch, daß Beleidigungen, Lügen, Verleumdungen und Volksverhetzungen nicht zensiert werden dürften – und der gesellschaftliche Konsens in Europa nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist, daß es Dinge gibt, die öffentlich nicht gesagt werden dürfen. Diesen Konsens in Frage zu stellen ist gefährlich und führt vor allem dazu, das eigentliche Problem aus den Augen zu verlieren.
Damit verbunden ist das weit verbreitete Mißverständnis, daß „die Gesetze“ nicht „für das Internet“ gemacht seien. Einher geht damit die oft gehörte Formulierung daß „das Internet kein rechtsfreier Raum“ sei. Natürlich nicht, denn es ist nicht mal ein Raum – die Gesetze gelten für die Menschen in ihrem Geltungsbereich. Im Internet gibt es aber keine Menschen, sondern nur Informationen. Die wiederum werden von Menschen eingestellt.
Natürlich kann man jetzt das Beispiel des Volksverhetzers aus Kanada heranziehen, der aus der vermeintlich sicheren Entfernung seine Thesen in den deutschen Sprachraum schleuderte. Genützt hat ihm das nichts, denn irgendwann hat er sich seiner Bezugsgruppe physikalisch genähert und sich damit in den Geltungsbereich des deutschen Strafrechts begeben. Was ich damit sagen will ist, daß die Mehrheit der Rechtsverletzungen in physikalischer Nähe zu ihrer Bezugsgruppe begangen werden und daß dort, wo die physikalische Nähe nicht gegeben ist, die klassischen Mittel der Strafverfolgung und Rechtsdurchsetzung greifen können – das Internet braucht kein Lex specialis, die legi generali sind bei weitem noch nicht ausgereizt.
Die „rechtliche“ Diskussion und das Aufheben, das um die Versuche der Sperrung von Webseiten gemacht wird sind nichts anderes als Nebelkerzen oder vielleicht: Erdbeben, die durch die Verschiebung der Kontinentalplatten ausgelöst werden, Scheingefechte.
Die Vernetzung an sich ist hingegen nicht aufzuhalten. Technologie erzeugt stets einen ökonomischen Vorteil. Entweder sind Informationen schneller und in besserer Qualität verfügbar oder Aufgaben können mit weniger Aufwand an Zeit und Menschen erledigt werden. Allein das unternehmerische Handeln wird also die Vernetzung und die Durchdringung des Alltags mit Technologie stetig vorantreiben. Die ebenso stetig sinkenden Kosten für Technologien unterstützen diesen Effekt.
Eines meiner Beispiele für diese Entwicklung ist die Kombination von IPV6, günstiger Funktechnik und autonomer Netze: Als Besitzer eines Strom- oder Gasnetzes muß ich das Netz regelmäßig kontrollieren – Menschen müssen sich physikalisch die Leitungen ansehen. Was, wenn ich jeden Strommast elektronisch aufrüsten würde und das Netz mir von alleine sagt, wenn es glaubt ein Problem zu haben? Was, wenn in einer Gemeinde die Laterne von alleine meldet, daß sie defekt ist? Wenn die benötigten Komponenten günstig zu haben sind, wird sich eine solche Kalkulation rechnen.
Genau wie für „das Netz“ wird es für diese technologische Entwicklung Nutzergruppen geben. Die Schnittmenge zwischen den beiden Nutzergruppen (privat/Internet, professionell/Internet-Technologie) wird sehr hoch sein.
Während also auf der einen Seite das Netz durch Menschen in ihr Leben integriert wird, werden auf der anderen Seite Unternehmen die Technologien, die das Netz ausmachen, aktiv nutzen. Das bedeutet, daß sie aus der Menge derjenigen, die sich das Netz zu eigen gemacht haben, rekrutieren werden. Es entsteht eine gesellschaftliche Entwicklung, die systembildend ist.
Um das Beispiel des Buchdruckes wieder aufzugreifen: Es wird Menschen geben, die lesen und schreiben können, es wird Unternehmen geben, die den Vorteil der Schrift für ihre Ziele erkennen und entsprechend „gelehrte“ einstellen.
Tatsächlich ist das heute schon so, nur sind die Mengen geringer. Die Anzahl derjenigen, die „Lesen und Schreiben“ können wächst aber stetig.
Im Gegensatz zum „Lesen und Schreiben“ ist aber die Bedeutung der Technologie für das Leben der „Gelehrten“ wesentlich größer, sie werden sich über kurz oder lang für eines der beiden Systeme entscheiden – bleibe ich bei den Analphabeten, gehöre ich zu den „Gelehrten“?
Schließlich kommt noch eine dritte Entwicklung ins Spiel. Der Arbeitsmarkt verändert sich. Wenn wir heute sehen, daß der Bedarf an Facharbeitern nachläßt weil produzierende Betriebe in anderen Ländern günstiger produzieren dann ist die Konsequenz, daß ein Analphabet schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Es gibt Arbeit, sicher, nur nicht viel und: Sie wird schlecht bezahlt.
Diese Veränderung des Arbeitsmarktes ist gekoppelt an eine immer geringere Anzahl von Menschen, die zur Ernährung der Bevölkerung notwendig sind. Es gibt weniger Arbeit, aber es gibt genug zu essen und – wir können uns eine langfristig hohe Arbeitslosigkeit nicht nur leisten, sondern wir müssen uns darauf einstellen. Die Frage ist, wie wir damit umgehen wollen.
Diese Elemente (Arbeitsmarkt, ökonomischer Druck, Vereinnahmung des Netzes durch die Nutzer) reichen aus, um die Gesellschaft nachhaltig zu spalten.
Genau an dieser Stelle sind wir gefordert, politisch zu handeln. Und genau an dieser Stelle versagen Politiker generationenweise. Die Vernetzung gleicht dem Buchdruck, sicher, nur ist sie viel schneller, viel direkter und im Gegensatz zu Büchern kann man Daten im Netz nicht verbrennen.
Die Ultima Ratio der heute „an der Macht“ befindlichen Politiker ist jedoch genau das, Bücherverbrennung. Sie sind mit Aktenumläufen groß geworden und verstehen nicht, daß das Netz für Menschen eben mehr ist als eine Umlaufmappe, Jörg Tauss hat das in seinem Abschiedsbrief aus der SPD schön und umfassend beschrieben. Wenn wir nicht wollen, daß Bücher gelesen werden, können wir sie verbieten, vernichten, wir können den Wareneingang physikalisch kontrollieren, gar Druckmaschinen beschlagnahmen.
Das Extrem der Zensur und der mühsame Versuch, „Inhalte zu verbieten“ zeigt das auf. Wie oben ausgeführt hat eine Gesellschaft das legitime Recht, sich für oder gegen Inhalte zu entscheiden. Sie kann dieses Recht aber nur begrenzt durchsetzen. Und vor allem muß sie sich bei der Durchsetzung ihrer Rechte an die Regeln halten, die die Gesellschaft bestimmen. In Deutschland ist das das Grundgesetz. Die Art und Weise der „Zensur“, der Inhaltskontrolle, die durch das Zensurgesetz vom Juni 2009 eingeführt werden soll ist mit ihren Begleitumständen aber mit der Verfassung, mit der Gesellschaft nicht vereinbar.
Anstatt also intelligent zu handeln, werden Maßnahmen getroffen, die die Grundfesten der Gesellschaft selbst in Frage stellen – und das ist selbst dann, wenn das Ziel der Maßnahme richtig ist, nicht nur verfassungswidrig sondern: Gefährlich. Es macht eine Tendenz deutlich, die „den Zweck alle Mittel heiligen“ läßt. Wir sollten uns sehr gut fragen, ob wir in einer solchen Gesellschaft leben möchten.
Die Gesellschaft als solche wird auch reagieren, früher oder später. Anders als früher kann man die verbotenen Schriften nicht mehr an der holländischen Grenze oder beim Hauptzollamt aus dem Verkehr ziehen. Und anders als früher sind nicht mehr wenige, einzelne, betroffen, sondern viele. Und da in der.l paranoiden Post-9/11-Welt jeder verdächtig ist, ist auch jeder im Prinzip schuldig – das lehrt die kriminalistische Erfahrung. Durch die Menge der Betroffenen wird wiederum die Wahrnehmung gestärkt. Die Gesellschaft wird früher oder später den Verlust ihrer Freiheit bemerken und reagieren. Als Gegenmittel benötigen wir spektakuläre Verbrechen und diffuse Bedrohungsszenarien die in der Öffentlichkeit als hinreichender Grund für den Verlust an Freiheit und eine zunehmende Kontrolle wahrgenommen werden können – ich habe schließlich nichts zu verbergen und die, die erwischt werden werden schon irgendwas ausgefressen haben.
Anstatt also Scheingefechte um Urheberrechte und Zensur zu führen sollten wir uns lieber fragen, in welcher Art von Gesellschaft wir in zwanzig oder dreißig Jahren leben möchten. Und wir sollten uns fragen, ob der Bundestag nicht einen radikalen Generationenwechsel benötigt – mit einer neuen Generation von Politikern, die ultrakonservative Positionen vertritt. Dann nämlich, wenn es um die Grundprinzipien geht, nach denen wir über sechzig Jahre gelebt haben.
Interessanterweise hat keine der politischen Kräfte in Deutschland eine solche Vision, man lebt von der Hand in den Mund und von Wahl zu Wahl, die man gewinnen will – aber wofür eigentlich?
Die digital rupture spielt also deshalb eine Rolle, weil der Abwehrkampf der Generation 40+ das Potential hat uns in eine schöne neue Welt zu führen aus der wir uns nur schwer wieder befreien werden können.
Deshalb rege ich mich auf. Die technischen und handwerklichen Stümpereien sind nicht das größte Problem.






























